Es sind zivilgesellschaftliche indische Organisationen, die im Jahr 2009 wesentlich zur Durchsetzung des „Right of Children to Free and Compulsory Education Act“ (RTE) (FN1) für Kinder von 6-14 Jahren beigetragen haben. Seither hat sich in den dörflichen Schulen in unseren Projektgebieten einiges getan – neue Schulgebäude, wo früher der Unterricht teils sogar im Freien stattfand, kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte und Verbot von körperlicher Züchtigung, wo früher das Stöckchen für Disziplin sorgte, viel mehr Einschulungen, weil keine Gebühren mehr erhoben werden, Lernmaterial und Schuluniformen kostenlos sind, Diskriminierung nicht erlaubt ist.
Doch auch die Umsetzung des Gesetzestextes in die Praxis, wie die Identifizierung der KinderarbeiterInnen im ländlichen Raum und die Überzeugungsarbeit bei Eltern und Kindern für den Schulbesuch, gelingt selten ohne Unterstützung durch sozial engagierte Organisationen.
So auch in unserem Projektgebiet im Swarupnagar Block des North-24-Parganas-Distrikts im Gangesdelta nahe Bangladesch. Indienhilfe-Projektpartner SKC, die Sozial-Organisation der Erzdiözese Kolkata, verfolgt dort das Ziel, in 54 Siedlungen in den Kommunen (Gram Panchayats) Saguna und Gobindapur Kinderarbeit abzuschaffen. Alle Kinder von sechs bis vierzehn Jahren sollen erfolgreich die Schule besuchen. Eltern, Lehrkräfte, ArbeitgeberInnen, GemeinderätInnen, Polizei und die Bevölkerung allgemein werden über Kinderrechte, insbesondere das Recht auf Bildung, aufgeklärt, gegen (sexualisierte) Gewalt, Kinderhandel, frühe Ehen sensibilisiert und die örtlichen Child Rights und Girls Rights Protection Forums gestärkt.
Corona mit der Rückkehr von WanderarbeiterInnen, Zerstörungen durch die Zyklone Amphan und Yaas in den zwei letzten Jahren haben die ohnehin prekäre Situation vieler Familien weiter zugespitzt. Nahrungsmittel wurden knapp und teuer. Die Schulen waren zwei Jahre geschlossen, Online-Unterricht mangels Technik kaum durchführbar. Circa 50 Prozent der Haushalte leben unter der Armutsgrenze, als landlose TagelöhnerInnen, KleinstbäuerInnen, arbeiten in der Fischerei, im informellen Sektor. Viele gehören den benachteiligten Kasten und Indigenen Volksstämmen oder der ebenfalls benachteiligten großen muslimischen Bevölkerungsgruppe an.
Kinder in der Region verrichten Feldarbeit, arbeiten am Bau, beim Be- und Entladen von Lastwagen, in Ziegeleien, als LumpensammlerInnen, beim Bestäuben von Gemüse, ernten Blumen, flechten Jutezöpfe, fertigen in Heimarbeit Näharbeiten und Pailletten-Stickereien, migrieren mit ihren Familien zur Arbeit für Monate in andere Gegenden. Meist die Mädchen müssen das Kochen und die Beaufsichtigung jüngerer Geschwister übernehmen, wenn die Eltern arbeiten. Erstmals seit langem nahmen Kinderehen und Kinderhandel wieder zu. Auch in Saguna, wo das SKC-Team die Zahl der KinderarbeiterInnen bereits von über 300 auf etwa 15 hatte reduzieren können, stiegen die Zahlen wieder.
Als unsere indischen KollegInnen im Juni das ausgedehnte Projektgebiet mit allen Standorten für einen Zwischenbericht an die Indienhilfe besuchten, stellten sie Herausforderungen wie Stärken fest: Überall waren die Eltern froh über das Förderangebot für ihre Kinder in den Nachhilfe- und Lerngruppen während der Schulschließungen. Pandemiebedingt war die Zahl der betreuungsbedürftigen Kinder in den Projektdörfern stark gestiegen und es wurden so viele Kinder wie möglich zusätzlich aufgenommen. Insgesamt etwa 1.400 Kinder wurden täglich in Schichten von den zehn „Child Rights Workers“ unterrichtet. Seit dem 27. Juni sind nun alle Schulen wieder geöffnet. 304 Kinder können weiterhin in jetzt 10 Nachhilfezentren (6 in Gobindapur und 4 in Saguna) täglich ihr Unterrichtspensum nachbearbeiten. 711 (ehemaligen) KinderarbeiterInnen wird zweimal wöchentlich in „Motivations-Zentren“ in Gobindapur (12) und in Saguna (8) Lust auf Schule vermittelt und ihre Eingewöhnungsprobleme werden bearbeitet. Durch mehrtägige intensive „motivation camps“ für Mathematik, Englisch und Bengali sollen die Kinder mit modernen Methoden und Materialien Spaß am Lernen bekommen und Anschluss an den altersentsprechenden Lehrplan finden, damit sie sich nicht für verfrühtes Geldverdienen entscheiden. Was heute schon erreicht ist: alle Familien haben ihre nötigen Dokumente, um in den Genuss staatlicher Hilfen und Angebote zu kommen und werden bei der Antragsstellung unterstützt. So gibt es z.B. finanzielle Anreize für Mädchen, nach der Schule auch noch aufs College zu gehen.
Doch trotz der Erfolge bezüglich Bildung ist für das Projektteam auch weiterhin viel zu tun, um – in Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren in Verwaltung, Gesellschaft und Familie – für die Verletzung von Kinderrechten zu sensibilisieren und die Zivilcourage zu entwickeln, um diese Rechte aktiv durchzusetzen
Kosten 2022/23: etwa 45.000 € – ca. 45 €/Kind
Stichwort: Kinderrechte